Glück

Manchmal, wenn ich eine schwere Lebensfrage habe, wende ich mich nicht an Indische Gurus, meine Harvard Professoren oder einen Indianerhäuptling in Montana, die ich kenne. Auch nicht an heilige Schriften, wie die Bibel, den Koran oder Playboy. Stattdessen wende ich mich an eine andere Autorität: meine kleine Ami-Swiss-Tochter. Eines Tages kam sie so glücklich ins Pfarrzimmer gerannt, dass ich sie fragen musste: «Naomi, why are you so happy?»

Ich befürchtete, dass sie als amerikanisch-schweizerische Doppelbürgerin doppelt so viel Mühe haben könnte, glücklich zu sein. Als Schweizerin würde sie über vieles klagen: das Wetter, Ausländer, Löhne. Wenn sie nicht klagt, würde sie sich Sorgen machen über Gesundheit, AHV, Europa. Als Amerikanerin würde sie sich keine Sorgen machen über Europa, weil sie nicht sicher wäre, wo das genau liegt. Sie würde vielleicht etwas weniger klagen, aber sie würde eine Art Glück suchen durch fragwürdige Sachen: einen Präsidenten, dessen grösste Fähigkeit ist, gut auszusehen in einem Cowboyhut, Hinrichtungen, oder amerikanisches Lebensmittel wie "Frühstückspizza", ein echtes Produkt.

Aber Gott sei Dank scheint meine Blue-Pass/Red-Pass-Tochter nicht allzu viele Eigenschaften beider Nationen zu haben, und ihre Antwort auf meine Frage, warum sie glücklich sei, war gleichzeitig einfach und tiefgründig. Sie steckte ihre Wurstfinger in die Tasche und zog ein paar Papierstücke heraus. Und sie sagte, "I am happy because I have these." Es waren Coupons von einem Supermarkt, mit denen man ein Lebensmittel ein bisschen billiger kaufen kann. Für uns Erwachsene (fast) wertloses Papier. Für ein kleines Mädchen, das die Mommy/Daddy-Sorgen nicht versteht, waren sie ein Schatz.

Und ich dachte an meine Kindheit in Boston und die Freude, die ich an Weihnachten hatte oder wenn die Schule wegen eines Schneesturms ausfiel, was jedes Jahr mehrmals passierte. Reine, unkomplizierte Freude. Doch das war die Kindheit. Die Sachen, die uns Erwachsenen Freude bringen, sind leider komplexer: Liebe kann vergehen, Geld bringt Probleme, Champagner macht Kopfweh.

Aber meine Tochter hat etwas Wichtiges gesagt. In unserer Hast nach der grossen Freude, übersehen wir oft die einfachen Quellen von Glück. Dazu ist Glück nicht, was uns passiert, sondern es ist, wie wir wahrnehmen, was uns passiert. Man muss ein Positives finden für jedes Negative, und ein Hindernis als Herausforderung sehen. Unsere Einstellung bestimmt, ob wir glücklich sind oder nicht. Glück ist nicht wünschen, was wir nicht haben, sondern das geniessen, was wir haben.

Also, es hat wieder funktioniert. Ein kleines Mädchen ohne schickes Abschlussdiplom sagte mir eines Tages die Wahrheit: Supermarkt Coupons. Das ist Glück. Es kommt einfach darauf an, wie man es ansieht.

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